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DER KAMPF GEGEN DAS INSEKTENSTERBEN

In München sind die Wiesen leise:

Was hört man, wenn man heutzutage durch München schlendert und zufälligerweise über eine der immer weniger werdenden Grünflächen stolpert? Exakt: man hört nichts (außer vielleicht den lauten Verkehr der Großstadt). Noch vor einigen Jahrzehnten klang die Welt jedoch ganz anders, erinnert sich Dr. Andreas Fleischmann, Kurator an der Botanischen Staatssammlung München: „Wiesen waren immer verbunden mit dem Gezwitscher der Vögel und der unglaublichen Vielfalt an den verschiedensten Geräuschen der Insekten.“ Jetzt wird Bayern von Sommer zu Sommer aber immer stiller, denn das große Insektensterben hat in ganz Deutschland mittlerweile in vollem Ausmaß begonnen, die Auswirkungen könnten für Mensch und Natur verheerender kaum sein. Fleischmann sah es deshalb als seine Mission an, Aufklärungsarbeit zu leisten, und hielt einen rund zweistündigen Vortrag im Sportzentrum Landsberg, welchen einige Schüler der Q11 im Rahmen ihres P-Seminares „Wiese statt Rasen“ besuchten.

Was passiert bereits?

Der Rückgang der Insektenpopulation ist laut dem Umweltschützer viel weniger ein neues Phänomen als ein lang andauernder Prozess, der schon seit einigen Jahrzehnten abläuft. Die Insekten verschwinden nicht von einem auf den anderen Tag aus unserem Leben, sondern siechen langsam, aber stetig dahin. Erst seit kurzer Zeit wird dem Thema erhöhte Aufmerksamkeit gezollt, dies jedoch laut Fleischmann viel zu spät und immer noch viel zu wenig. Die größte Aufmerksamkeit erhält momentan immer noch die Klassischste der Insektenarten, nämlich die Honigbiene. Diese war jedoch aufgrund ihres rein kulinarischen Nutzens – der Honigproduktion – schon immer eine Art Haustier des Menschen und ist heute kein wildlebendes Tier mehr. Ihre Wichtigkeit für unser Ökosystem lässt sich natürlich nicht leugnen, denn auch sie bestäubt reichlich Blumen und andere Pflanzen, wer aber nur auf sie achtet, vergisst die rund 515 anderen Wildbienenarten, die in Bayern heimisch sind. 515 ist eine große Zahl, dem Laien sind jedoch wenige bis gar keine dieser Arten bekannt. Nichtsdestotrotz ist bereits ein Drittel von ihnen bedroht, sie sterben aus, ohne dass wir sie überhaupt kennen. Ähnlich verheerend sieht es bei den Schmetterlingen aus: In Deutschland sind ganze 3250 Arten heimisch, jedoch wurden seit 2000 ganze 400 von diesen nicht mehr gesichtet. Wer jetzt denkt, sie sind seit fast zwei Jahrzehnten in einem Sommerressort auf Urlaub oder wie die Vögel nach Süden geflogen, muss leider enttäuscht werden. Das Aussterben der Arten wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Doch nicht nur ein Rückgang der Arten war in den letzten Jahren zu beobachten, denn auch die grundlegende Anzahl an Insekten ist zurückgegangen. Fuhr man früher mit dem Auto durch Deutschland, so hatte man oftmals schon nach 100 Kilometern die komplette Windschutzscheibe von toten Insekten verklebt. Heutzutage ist dies selten noch der Fall, die allgemeine Anzahl an Insekten, nicht speziell nach Arten sortiert, ist um fast 75% zurückgegangen.

Wofür brauchen wir die Artenvielfalt und die Insekten überhaupt?

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges stellten die nachfolgenden Generationen ihren Eltern und Großeltern fast immer die gleiche Frage: „Warum habt ihr nicht reagiert? Warum habt ihr nichts gegen die menschenverachtende Ideologie des NS-Regimes getan?“ Zwar mag dieses Beispiel auf den ersten Blick extrem wirken, laut Fleischmann ist es jedoch JETZT Zeit zu handeln, bevor es wie vor 80 Jahren zu spät ist.

Doch wieso brauchen wir die Artenvielfalt überhaupt so dringend, wieso sollte sich ein Jeder dafür einsetzen sie zu beschützen? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist es nötig das Konzept eines Ökosystems zu verstehen, beziehungsweise einzusehen, dass wir es nicht verstehen. In der Schule lernt man im Biologieunterricht, dass es innerhalb eines solchen Systems bestimmte Nahrungsketten gibt. Das heißt grob gesagt, dass Lebewesen in einer Räuber-Beute-Beziehung zueinander leben. Beispielsweise werden Insekten von Nagetieren gefressen, die Nagetiere selbst fallen dann Raubvögeln wie Bussarden zum Opfer. Jedoch sind Ökosysteme allgemein gesehen keine einfachen Nahrungsketten, sondern Nahrungsnetze. Jedes Lebewesen innerhalb eines solchen Netzes ernährt sich nicht nur von einem Lebewesen, sondern von mehreren. Folglich kann ein einzelnes Lebewesen auch mehreren anderen als Beute dienen. Je mehr verschiedene Arten es innerhalb eines solchen Netzes gibt, desto mehr „Maschen“ besitzt dieses und desto stabiler ist es. Laut Fleischmann könnte ein Rückgang in der Insektenpopulation somit große Auswirkungen auf das gesamte Konstrukt haben, beispielsweise ist schon jetzt ein Rückgang der Wildvögelpopulation zu sehen. Ein großer Teil der anderen katastrophalen Folgen ist jedoch noch nicht einmal bekannt, der Mensch geht ein gigantisches und unnötiges Risiko ein, wenn er aktiv und passiv immer mehr Insekten tötet.

Wieso verlieren wir so viele Insekten?

Die Gründe für das Massensterben der Insekten könnten simpler nicht sein. Zum einen ist die Flächenversiegelung ein Problem: Durch den Bau von Siedlungen, aber vor allem durch die Landwirtschaft wird den Insekten ihr Lebensraum geraubt. Sie werden somit zurückgedrängt, außerdem wird die Entfernung zwischen ihren einzelnen Lebensräumen – sogenannten Habitaten –zu groß. Die gewöhnliche Wildbiene kann nur rund 500 Meter weit fliegen. Wenn die Option für ihren nächstgelegenen Lebensraum, in dem sie genug Nahrung finden kann, aber mehrere Kilometer entfernt ist, wird es milde ausgedrückt schwierig für das Insekt.

Ein mindestens genauso großes Problem ist die industrialisierte und intensivierte Landwirtschaft, die immer mehr Pestizide und sogenannte Neonicotinoide einsetzt und somit einen direkten, negativen Einfluss auf die Insektenwelt nimmt. Von den verwendeten Stoffen wird eine große Menge eingesetzt, jedoch kann eine Pflanze nur circa 2 bis 20% von diesen aufnehmen. Der Rest versickert im Boden und bleibt dort für drei Monate bis hin zu 15 Jahren gespeichert. Letzten Endes verseucht das Mittel somit das Grundwasser, das die Pflanzen über ihre Wurzeln wieder aufnehmen. Das Gift wandert in den Pflanzensaft der Pflanze und wird von der Blüte aufgenommen, welche schließlich selbst giftig für die Bienen wird. Somit sind auch Blühstreifen neben intensiv gespritzten Feldern eine absolut kontraproduktive Art des Aktivismus und schaden den Insekten nur noch mehr.

Traurigerweise hat die breite Masse der Gesellschaft am Artensterben kein Interesse, sagt Fleischmann und vergleicht die heutige Gesellschaft mit einem mit Passagieren gefüllten Flugzeug: 90% der Passagiere merken nicht, dass das Flugzeug marode ist und vertrauen darauf, dass alles problemlos abläuft. 9% davon werden langsam darauf aufmerksam, dass das Flugzeug allmählich auseinanderbricht und sehen, wie Einzelteile an ihnen vorbeifliegen. Nur 1% weiß wirklich, welche Bedeutung die Einzelteile haben und wieso sie vom Flugzeug abfallen.

Doch wieso bemerkt scheinbar niemand den Verlust der Artenvielfalt auf unserer Welt? Der Biologe und seine Kollegen erklären sich das Ganze auf psychologische Weise mithilfe des Shifting-Baseline-Phänomens. Laut diesem nehmen Menschen die Umstände, welche sie in der Jugend erleben, als Normalzustand auf. Jede Generation wächst somit in einer immer weiter verarmenden Umwelt auf und erkennt darin nicht einmal ein wirkliches Problem.

Was kann man dagegen tun?

Zunächst ist es wichtig, nicht unzählige neue Projekte zu planen und zu gestalten, sondern den Teil der Natur, der noch existiert, zu schützen. Selbst magere Blumenwiesen sind einer der artenreichsten Lebensräume für allerlei Krabbeltiere. Die meisten von ihnen gelten als unglaublich stabile Ökosysteme und ihre Entstehung hat oftmals bis zu 50 Jahre angedauert, logischerweise können neu angelegte Blühstreifen diese nicht vom einen auf den anderen Tag ersetzen. Wer jedoch trotzdem etwas für die Biodiversität tun will, sollte darauf achten, dass „schön bunt“ nicht gleich heißt, dass die selbst gepflanzten Blumen der Artenvielfalt weiterhelfen. Samen aus der Tüte sind oftmals kontraproduktiv, denn darin befinden sich größtenteils nichteinheimische Gewächse, welche nicht als Futterpflanzen für die hier lebenden Insekten dienen können. Bei der Neuanlage von Blumenwiesen muss also auf die Regionalität der Gewächse geachtet werden und vor allem darf man sich nicht zu sehr auf die Ästhetik der Pflanzen fokussieren. Meist haben die weniger schönen Pflanzen sogar einen weitaus größeren Nutzen für das Ökosystem. Fleischmann sieht jedoch auch die städtischen Gemeinden in der Pflicht, vorsichtiger mit unserer Natur umzugehen. Oftmals werden Grünstreifen in Städten viel zu häufig und falsch gemäht. Der Artenschützer empfiehlt daher beim Mähen von Grünflächen immer sogenannte „Blühinseln“ im Zentrum freizulassen, sodass die Bienen hier weiterhin fleißig bestäuben können.

Eine ebenfalls wichtige Chance ist das Volksbegehren zur Artenvielfalt, welches von der ÖDP auf die Beine gestellt wurde. Dieses war der Grund für Herrn Dr. Fleischmanns Vortrag, denn die Werbung dafür ist bitter notwendig. Eine Million Stimmen werden im extrem kurzen Zeitraum vom 31.01.2019 bis zum 13.02.2019 benötigt, um ein neues Naturschutz- und Artenvielfaltsgesetz zu etablieren. Die Zeit zu handeln ist jetzt, betont Fleischmann gegen Ende noch einmal. Denn „keiner kann alles tun, aber niemand kann nichts tun“ um den nachfolgenden Generationen eine artenreiche, stabile Welt zu ermöglichen.

von Cosima Klingensteiner und Vincent Wineberger

Diese Seite wurde zuletzt am 17.02.19 aktualisiert.

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